Marcel  Bernhardsgütter

Obwohl die Mehrheit der Gemeinden auf der ganzen Welt weniger als 100 Mitglieder hat und damit in die Kategorie der „kleinen Gemeinden“ fällt, empfinden viele Leiter von kleinen Gemeinden eine gewisse Scham. So, als ob „klein“ gleichbedeutend mit „schlecht“ oder „ungenügend“ wäre. Dieser Haltung liegen zwei Denkfehler zugrunde, welche viele Leitende von kleinen Gemeinden in ihrer Führungsaufgabe unnötigerweise behindern.

1. Es ist keine Frage der Grösse, sondern der Lebendigkeit

Lieber ein lebendes Huhn als ein toter Adler. Der tote Adler kann bestenfalls ausgestopft und ausgestellt werden. Vielleicht vermag er Museumsbesucher selbst in diesem Zustand zu beeindrucken, weil er immer noch imposant wirkt. Aber das ändert nichts daran, dass er tot ist. Ein lebendes Huhn ist besser dran als ein toter Adler. Dies lehrt uns auch Salomo in Prediger 9,4.

Ob deine Gemeinde klein oder gross ist, ist somit völlig egal. Dies erkennst du auch in den Sendschreiben der Offenbarung (3,8). Dort steht, dass die Gemeinde in Philadelphia (ihre Kraft) „klein“ ist. Jesus kritisiert sie deswegen aber nicht. Klein zu sein ist kein Problem und schon gar keine Schande! Leider haben wir diese schlichte Wahrheit immer noch viel zu wenig verstanden, weil wir Menschen gerne das Grosse bejubeln und dem Kleinen wenig Beachtung schenken mögen. Bei Gott ist dies aber nicht so – und nur das sollte unser Massstab sein! So wird die Gemeinde in Philadelphia sogar ausdrücklich gelobt – nämlich dafür, dass sie „mein Wort bewahrt“ und „meinen Namen nicht verleugnet“ hat. Und damit wird auch die Stossrichtung der Lebendigkeit vorgegeben.

Lebendigkeit drückt sich weder in der Lautstärke der Anbetung noch im Umfang der Gemeindeaktivitäten aus. Die Lebendigkeit einer Gemeinde widerspiegelt sich einzig und alleine darin, wie sehr Christus ihr Zentrum ist. Zuallererst Zentrum im Alltag jedes einzelnen Gemeindemitglieds. Und dann als logische Folge auch Zentrum aller Gemeindeaktivitäten. Wie lässt sich das messen? Ganz einfach: Wenn ihr zusammenkommt, sei es in Kleingruppen oder auf ein Bierchen: Sprecht ihr dann ausschliesslich über die Banalitäten des menschlichen Seins, oder erzählt ihr einander, was ihr in den vergangenen Tagen mit Jesus erlebt habt? Und in euren Gottesdiensten: Wie lange dauert es, bis ein Besucher erfährt, wer Jesus ist, wie Er ist, was Er getan hat und was dies für den Besucher bedeutet? Geschieht dies bereits in der Einleitung, oder wartet man bis zum Ende vergeblich darauf?

Ganz egal, wie klein deine Gemeinde ist: Es geht darum, dass sie in allen Teilen zu Christus hinwächst (Eph 4,15) und dadurch lebendig wird, ist und bleibt!

2. Die Leiter grösserer Gemeinden sind keine besseren Leiter

Wir haben bereits gesehen, dass grösser nicht gleich besser ist. Ein besserer Leiter zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er eine grössere Gemeinde leitet, sondern eine lebendige. Nun wäre es aber falsch, daraus zu schliessen, dass es keinen Unterschied zwischen Leitern von kleinen und grossen Gemeinden gibt. Denn diese beiden Führungsaufgaben erfordern ein ganz unterschiedliches Profil.

Der Leiter einer grossen Gemeinde führt über weite Strecken indirekt, da es ihm gar nicht mehr möglich ist, mit allen Gemeindemitgliedern in direktem Kontakt zu stehen und die Vision zu teilen. Sein Hauptaugenmerk ist darauf gerichtet, die Bereichsleitenden für die Vision zu gewinnen, damit sie diese verinnerlichen und in ihre Bereiche weitertragen. In sehr grossen Gemeinden geschieht dies sogar über mehrere Hierarchiestufen hinweg. Der Leiter einer grösseren Gemeinde leitet deshalb meist strukturierter und konzeptioneller. Denn er kann nicht davon ausgehen, dass sich die notwendigen Begegnungen einfach ergeben. Diese müssen geplant werden und finden in eigens dafür errichteten Gefässen statt.

In einer kleinen Gemeinde sieht dies ganz anders aus. Hier ist es bald einmal zu viel an Planung und Struktur. Denn in kleinen Gemeinden geschieht Leitung grösstenteils informell, also über Beziehungen. Und im Zentrum des gesamten Beziehungsnetzes steht Pastor. Diese ausgeprägte Beziehungsorientierung mit dem  Pastor als Dreh- und Angelpunkt ist eine ausgesprochene Stärke kleiner Gemeinden. Sie ist aber gleichzeitig auch deren Wachstumsbegrenzung. Stärke, weil sich die Menschen in einem solch ausgeprägten familiären Umfeld geborgen und wertgeschätzt wissen – der Pastor persönlich kümmert sich um sie! Wachstumsbegrenzung, weil das System (also die Gemeinde!) nicht weiter wachsen kann, als es das Beziehungsgefüge erlaubt. Ab einer gewissen Gemeindegrösse wird das, was die bestehenden Mitglieder als familiär empfinden, von neu hinzukommenden als Ablehnung wahrgenommen: Die sind hier unter sich. Je nach Kapazität des Pastors und Organisationsform liegt die natürliche Wachstumsgrenze kleiner Gemeinden bei etwa 50-80 Mitgliedern. Viel mehr liegt nicht drin, weil sich das Beziehungsgefüge mit dem Pastor im Zentrum nicht weiter ausdehnen lässt.

3. Folgerungen für Leiter von kleinen Gemeinden

Die früher oft verfolgte Leiterentwicklung, einen Pastor zuerst in einer kleinen Gemeinde seine Sporen abverdienen zu lassen, bevor er eine grössere Gemeinde übernehmen „darf“, ist eine Illusion, welche viel Schaden an Gemeinden und Leitern verursacht hat. Wer beziehungsorientiert, eher intuitiv und vor allem direkt leiten will, wird dies nur in einer kleinen Gemeinde segensreich tun können. Und wer strategisch und strukturiert leiten möchte, wird dies in einer kleinen Gemeinde kaum zum Wohl der Gemeinde ausleben können – es sei denn, die Gemeinde stehe an einer Wachstumsschwelle und habe das Potenzial für weiteres Wachstum.

Jeder Leiter sollte sich frei von aller Scham und völlig wertfrei bezüglich seines Leitungsstils reflektieren können. Dies kann zusammen mit einem Mentor geschehen, oder für dich alleine. Halte dir dabei vor Augen, dass gross nicht gleich besser ist, sondern nur gross. Unsere Aufgabe als Pastoren ist es, dafür besorgt zu sein, dass die Herde lebendig ist, weil wir sie immer wieder neu zu „frischen Wassern“ und „grünen Auen“ führen.

Marcel Bernhardsgrütter lebt in der Schweiz und ist Co-Pastor und Church Consultant mit über zwanzigjähriger Erfahrung als leitender Mitarbeiter in zahlreichen Dienstbereichen verschiedener Landes- und Freikirchen sowie als Manager im Dienstleistungssektor. Er begleitet Gemeindeleiter in Veränderungsprozessen und Führungsfragen als Sparringspartner an ihrer Seite.  www.mrbhg.com