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Zunächst zu Freimuts Person:

Freimut Haverkamp wuchs in der Nähe von Radolfzell am Bodensee auf. In seiner Jugend war er in einer Jugendgruppe der evangelischen Kirche aktiv. Nach dem Abitur wollte er eigentlich in München Theater und Tanz studieren, doch dann merkte er, dass er gerne Lobpreis studieren würde. Als er das einem Freund gegenüber erwähnte, erzählte dieser ihm vom Hillsong College in Sydney, das Freimut schließlich besuchte. Während seiner Zeit auf dem College spürte Freimut den Ruf zum pastoralen Dienst. Dort lernte er auch seine heutige Frau Joanna aus England kennen. Freimut und Joanna haben drei Kinder.

Nachdem sie 2004 von Sydney zurückgekehrt waren, gründeten Freimut und Joanna einen Hauskreis, die sich innerhalb kurzer Zeit in eine Gemeinde mit dem Namen Lakeside Church entwickelte. In dem Team der Gemeindegründer waren viele von Freimuts Freunden aus seiner evangelischen Jugendgruppe, und viele von ihnen gehören noch heute der Hillsong Church in Konstanz an.

Bei der Gründung der Lakeside-Gemeinde hatten Freimut und Joanna nicht geplant, ein Teil der Hillsong Netzwerk zu werden, weil es damals außerhalb von Australien nur eine weitere Hillsong Church in London gab. Sie hatten jedoch Kontakt zu verschiedenen Hillsong-Pastoren in Sydney, die sie zu diesem Schritt ermutigten. So wurde aus der Lakeside Church ein Teil des Hillsong-Netzwerks, was bedeutete, dass sie ihren Namen ändern mussten. Heute koordiniert Freimut Hillsong im deutschsprachigen Raum (außer Berlin), und jeder der 6 Hillsong-Standorte hat einen eigenen Pastor und ein Mitarbeiterteam.

Mittlerweile gibt es 38 Hillsong-Standorte in Australien sowie Standorte in 30 anderen Ländern der Welt.

An einem schönen, sonnigen Sommermorgen im Juli holte mich Susi Wörz, die persönliche Assistentin von Freimut Haverkamp, am Bahnhof in Konstanz-Petershausen ab. Sie trug ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift: „Girls with hearts of fire.“ Susi war so nett, mich auf dem fünfminütigen Spaziergang an einer Schule und mehreren Geschäftsgebäuden vorbei zum Hillsong-Gemeindezentrum zu begleiten. Der modern-industrielle Stil des Gebäudeinneren ist sehr einladend. Freimut begrüßte mich herzlich und bat mich, ihm gegenüber an seinem makellos aufgeräumten Schreibtisch Platz zu nehmen. Das Interview konnte starten!

Paul Clark: Freimut, die Gemeinde in Konstanz besteht seit 2004. Denkst du, dass es einen bestimmten Grund hat, dass die Gemeinde im Lauf der Jahre so viele Menschen mit dem Evangelium erreichen konnte? Wie du weißt, haben viele Pastoren nicht das Vorrecht, ein so großes Wachstum ihrer Gemeinde zu sehen, wie du es hier am Bodensee erfahren hast.

Freimut Haverkamp: Ein Schlüsselwort – das ist schwer zu sagen. Ja, was uns geholfen hat, ich glaube, das war einfach, sag ich mal, die Form von Gottesdiensten, die Art und Weise, wie man Gottesdienst gefeiert hat und über den Glauben gesprochen hat. Ich glaube, viele Leute hatten und haben nicht so ein Problem mit Gott – wobei mittlerweile wahrscheinlich immer mehr -, aber das Hauptproblem, was Leute haben, die Hauptbarriere für Leute zum Glauben zu kommen oder in die Kirche zu gehen, war eigentlich mehr die Form und die Art und Weise, wie Gottesdienste gefeiert wurden und sie konnten damit nichts anfangen. Wie wir angefangen haben, hier auch grad in dem Raum, gab es wahrscheinlich nicht so viele Gemeinden, die relevant waren oder zeitgemäß vom Stil, sag ich mal, oder den Glauben auf eine Art und Weise kommunizierten.

PC: Was genau meinst du mit „eine andere Form des Gottesdienstes“?

FH: Ich meine, die Sprache. Von außen würde ich sagen, Hillsong und Musik und Licht und was auch immer. Aber ich glaube, das ist gar nicht mal das Hauptding. Das Hauptding ist eigentlich die Sprache, wie wir über den Glauben sprechen und den Glauben als etwas Lebensnahes, etwas Praktisches weiterzugeben, wo die Leute nach Hause gehen und sagen, ok, damit kann ich etwas anfangen. Das kann ich in meinem Leben umsetzen. Ich glaube, ja, die Sprache, die wir nutzen, um Menschen zu erreichen, ist ganz, ganz wichtig.

Was ich festgestellt habe, da haben wir Leute getroffen, die waren Christen, die haben mit dir ganz normal gesprochen, aber sobald sie dann in der Kirche waren oder sobald sie gebetet haben, hat sich ihre ganze Sprache verändert, ihre Stimme verändert. Es war so aufgesetzt. Ich glaube, die Leute merken das.

PC: Geht es hier um einen bestimmten Frömmigkeitsstil?

FH: Ja, genau. Aber ich glaube, da natürlich zu sein und was vielleicht auch geholfen hat, ist diese Kultur von Kirche. Was ist Kirche? Kirche ist kein Ort, wohin du gehen musst, sondern Kirche ist ein Zuhause, wo du Gott treffen kannst, wo du Menschen treffen kannst. Kirche ist ein Ort, an dem man sich wohlfühlt, an dem man auftanken kann, an dem man ausgerüstet wird, gestärkt wird, Spaß hat, genießen kann. Alles, was du denkst, was ein gesundes Zuhause ausmacht, ist, glaube ich, Kirche. Wir haben schon versucht, ein neues Bild davon zu malen, was Kirche ist und wie Kirche aussehen kann.

PC: Was für Bild hast du gehabt?

FH: Das Bild, das ich hatte, war das Bild von einem Gewächshaus. Das war das Bild, das Gott mir gegeben hat. Ich war in Australien auf einem College, bin zurückgekommen, hab meine Freunde wieder getroffen, die sich mit mir für Jesus entschieden hatten und ich habe gesehen, wie ich extrem gewachsen bin in meinem Glauben und sie immer noch da waren, wo sie vorher waren. Es war mir ziemlich schnell klar, dass es wenig mit mir zu tun hatte, sondern viel mehr mit dem Umfeld, in dem ich war.

Für mich ist der Schlüssel Bibelverse Psalm 92,14: „Die gepflanzt sind im Hause des HERRN, werden aufblühen, wachsen und gedeihen und im Vorhof des Herrn werden saftig und grün bis in hohe Alter.  Sie verkündigen unser Gott ist gerecht.“

Du kannst das beste Saatgut haben. Aber wenn der Grund und Boden nicht stimmt und wenn die Atmosphäre nicht stimmt, wird dieses Saatgut niemals das volle Potential entwickeln können. Aber wenn die Atmosphäre stimmt, wenn der Boden stimmt, dann wird das Saatgut das volle Potential entfalten können. So sehe ich die Kirche als ein Gewächshaus.

PC: Wie hast du dieses „Gewächshaus-Konzept“ entwickelt? Liegen ihm bestimmte Strategien oder Programme zugrunde oder ist es ein Entwicklungsprozess?

FH: Es ist ganz klassisch, nichts Wildes. Wir haben ganz klassisch Kleingruppen gehabt und in den Kleingruppen Themen bearbeitet, sonntags gepredigt, Teams gebaut.

PC: Das bedeutet, dass sich die Menschen im Hauskreis über die Predigt vom vergangenen Sonntag austauschen?

FH: Genau. Einmal im Monat hatten wir etwas, das wir damals Leadership-Training-Night genannt haben. Haben wir jetzt übrigens wieder eingeführt wegen Corona, oder nicht nur wegen Corona, wegen Wachstum. Und da sind wir einmal im Monat zusammengekommen und ich habe ganz viel über Kultur gesprochen, über die Kirche, die wir sehen, über die theologischen Ansätze, von denen wir glauben, Dienerschaft, Großzügigkeit, all diese Sachen, die uns ausmachen.

PC: Wer durfte zu diesem Training kommen – praktisch jeder?

FH: Wir haben gesagt, es ist für Leiter, aber jeder der sagt, und das ist meine Kirche, ich will dazulernen, ich will die Leute kennenlernen, darf auch kommen. Es war offen für alle, die kommen wollten. Und da waren die Teamleiter, Hauskreisleiter, einfach alle waren an einem Abend da.

PC: Ich weiß, dass niemand mehr über dieses Thema sprechen will, aber hast du im Hinblick auf die Herausforderungen, vor die uns die Coronapandemie gerade stellt, einige Gedanken oder konkrete Erfahrungen, die du mit uns teilen möchtest?

FH: Was ich jetzt grad feststelle, ist, dass wir die Folgen von Corona erst jetzt so langsam sehen. Jetzt, wo Corona so langsam wieder aufhört und man wieder anfängt zurückzugehen und Dinge aufzubauen, merken wir, das hat was mit Leuten gemacht, diese Corona-Zeit.  Ich glaube, es hat den Glauben auf die Probe gestellt. Es hat die Kirche auf die Probe gestellt und Leute haben angefangen, sich Fragen zu stellen. Glaube ich das eigentlich?

War das ein Event-Glaube wie Vereinsleben? Ich gehe zu einem Verein, spiele Fußball, ich gehe kegeln, ich gehe in die Kirche. Das tue ich in Gemeinschaft – was Kirche nämlich ausgemacht hat, war einfach nur mit Leuten abhängen-  ein sozialer Club? Oder war es wirklich ein Glaube, der mich persönlich geprägt hat?

Und ich glaub, die Corona-Zeit, in der wir jetzt waren, hat da schon auch die Spreu vom Weizen getrennt und hat klar dargelegt: Wer hatte wirklich eine persönliche Beziehung mit Jesus und wer hat die Kirche als sozialen Club angesehen? Und ich glaub, das hat dann schon einen großen Unterschied gemacht, wie sehr einen der Glaube dann getragen hat nachher.

Ich finde auch die Corona-Zeit, dass es für uns als Kirche sehr, sehr gut war. Und ich glaube, dass in der Zeit von „Pruning“ vielleicht, wo Gott zurückschneidet, wo Gott prüft, aber ich find, kirchenhistorisch – das weißt du wahrscheinlich viel besser als ich, ich bin der Laie, du bist Professor  (Ich bin kein Professor.)  aber kirchenhistorisch kannst du sehen, dass Gott nach solchen Zeiten, wo Gott zurückgeschnitten hat, wo er auf die Probe gestellt hat, immer Zeiten des Wachstums und von Revival kamen. Und das ist mein fester Glaube, meine feste Überzeugung, jetzt, wenn der Glaube von den Leuten, die noch da sind, stärker ist als vorher, die fester überzeugt sind als vorher, dass daraus eine Erweckung entstehen kann.

PC: Was ist unter dem Begriff „Micro-Church“ zu verstehen und woher kam diese Idee?

FH: Etwa drei bis vier Monate nach dem ersten Lockdown in 2020 haben 30-50 Leute unsere Kirche sich treffen in einen Lokal oder Öffentlichen Raum mit Sicherheits Konzept in der Region. Man schaute der Livestream Gottesdienst an und man versuchte untere die Hygiene Begebenheiten für Menschen zu beten. Wärmend Corona habe es 28 Micro-Churches in Verbindung mit dem 6 Hillsong Standorten gegeben. Jetzt sind viel wenige Micro-Chruches weil mehr Leute können den jeweiligen Hillsong Standort besuchen.

PC: Die Idee der „Micro-Church“ ist durch Corona entstanden, und ich habe den Eindruck, dass dieses Modell des Gemeindebaus bei euch fortgesetzt wird. Ist das richtig?

FH: Wir haben es definitiv erkannt als eine Möglichkeit, wie man in Zukunft vielleicht Orte erreichen kann, an die man normalerweise nicht gehen würde. Wir haben eine neue Möglichkeit hinzugewonnen, Standorte zu gründen mit relativ geringem Aufwand. Ravensburg z.B. bleibt jetzt als Micro-Church. Wenn wir eine Micro-Church irgendwo starten würden, wäre das immer das langfristige Ziel, dass es ein vollwertiger Campus wird mit einem eigenen Pastor, einem eigenen Team.

PC: Du hast 2004 begonnen, die Gemeinde in Konstanz aufzubauen und darüber hinaus im Lauf der Jahre noch einige weitere Locations aufgebaut. Wenn du heute zurückblickst, was hättest du anders gemacht oder, anders ausgedrückt, wo hast du Lehrgeld bezahlt?

FH: Es ist immer leicht zu sagen Rückblicken ich hätte etwas anders gemacht. Jetzt würde ich rückblickend schon sagen, in manchen Bereichen hätte ich entspannter sein können, war ich vielleicht ein bisschen zu getrieben, hatte ich vielleicht die falsche Motivation. Wenn du halt eine Pionierarbeit hast, da musst du anders anpacken, da brauchst du auch Leute um dich rum, die genauso bereit sind zu leben und zu sterben für dieses Ding. Und alle, die das halt nicht wollen – ja gut, dann halt nicht, Pech gehabt. Hätte ich manche Entscheidung anders getroffen? Mit meinem jetzigen Wissen und mit dem, wo ich jetzt stehe? 100% ja. Weicher zu sein, weiser, geduldiger, freundlicher, all so was. Aber gleichzeitig brauchte ich das zu der Zeit, um etwas zu etablieren. Wenn ich damals jedem die Stimme gegeben hätte, wäre die Gemeinde(n) nie gewachsen.

PC: Du weißt, dass Hillsong oft kritisiert wird, indem behauptet wird, es sei alles nur Show oder oberflächlich oder dergleichen. Was würdest du den Kritikern gerne sagen?

FH: ich würde den meisten Kritikern sagen, komm einfach und lern uns kennen und verbring mal ein bisschen Zeit mit uns und schau auf die ganzen Vorurteile, die du hast und ob sie wirklich wahr sind und wie viele davon wahr sind. Ich meine, Kritik ist ja immer was Gutes. Ich glaub nicht, dass wir die perfekte Kirche sind. Wir können bestimmt viel dazulernen in vielen Bereichen. Aber Vieles von dem, was da draußen geschrieben wird und kursiert – den Kommentar, den ich am meisten höre von Leuten, die dann kommen und mich kennenlernen, ist so: „Ah, du bist ja doch nicht so, wie wir dachten, dass du bist!“

Ich höre das immer… sei es, wir sind nur oberflächlich oder wir machen nur Musik oder wir wollen nur Geld oder … es gibt ja so viele Sachen. Ich sag einfach: „Bevor du dir ein Urteil bildest, lauf mal mit uns eine Woche oder zwei Wochen. Oder für ein Gespräch, lern jemanden aus der Kirche kennen. Ich stell dir fünf Leute vor, deren Leben radikal verändert worden sind.“ Also, ich hab auch kein Problem vor Fragen und ich hab kein Problem mit Kritik. Wir dürfen ja alle lernen. Mich nervt es nur, wenn man von außen beurteilt und verurteilt wird.

PC: Rechtlich gesehen untersteht ihr dem Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden in Deutschland. Wie siehst du persönlich diese Beziehung oder Verbindung zu einer traditionellen Freikirche?

FH: Ich finde diese Beziehung super! Wir waren von Anfang an ein Teil des BFP und hatten auch nie vor, uns unabhängig zu machen. Natürlich sind wir eigenständig, aber wir wollten immer Teil von etwas sein, weil ich glaube, dass das wichtig ist. Wir wollten nicht ganz allein dastehen und wir wollten eine Autorität sein, in die man sich einfügt und der man sich unterordnet. Deshalb waren wir auch schon am Anfang als Lakeside Church Teil des BFP, und als wir dann zu Hillsong geworden sind, war für mich immer klar, dass wir Teil des BFP bleiben wollen. Wir haben dort Freundschaften und Beziehungen begründet, weil wir immer eingegliedert waren. Ich werde in der Zukunft auch in den BFP-Vorstand eintreten, weil ich glaube, dass der BFP enormes Potenzial hat.

PC: Glaubst du, dass der BFP „Cutting Edge“ ist?

FH: Wenn ich mir die Bewegung jetzt gerade ansehe, bin ich sehr begeistert.

PC: Du weißt, dass der BFP letztes Jahr in Deutschland 20 neue Gemeinden gegründet hat.

FH: Wir lieben den BFP, wir sind Teil davon und geben Gas!

PC: Wie sehen deine Zukunftspläne für Hillsong aus?

FH: Im Moment gibt es keine Pläne für einen neuen Standort in deutschsprachigen Raum.  Aber mein Traum oder Wunsch ist es insgesamt 30 Standorte in Deutschland, Österreich und Schweiz in den nächste 15 Jahre haben. Wir haben jetzt 6 und brauchen noch 24.  

PC: Wie sieht es bei Hillsong aus mit der Pipeline, um zukünftige Leiter für die verschiedenen Standorte zu finden? Müssen alle zukünftigen Leiter zuerst das Hillsong-College in Sydney besuchen?

FH: Nein, wir versuchen ganz homogen unsere Leiter nachzuziehen in unsere Campusse. Bis jetzt sind alle Standort Pastoren aus Konstanz gekommen. Bevor man einen Campus von uns leiten kann muss er oder sie unser DNA kennen und klar sie müssen ein Teil von uns erst sein. Im Herbst werden wir wahrscheinlich drei junge Leute zum BFP Seminar in Erzhausen schicken wo sie für den Pastoren Dienst sich vorbereiten können.

PC: Danke, Freimut, dass du dir für mich Zeit genommen hast.

FH: Ich habe mich sehr gerne mit dir unterhalten.